SVEN THOEMEN
EAGLE CACTUS SNAKE

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KAPITEL 1 - Karl Bauers Tod
Mexiko
17. November 1965, 21:46 Uhr

Ein eigenartiger Geruch brachte Karl Bauer wieder zu Bewusstsein. Er fühlte sich immer noch wie benebelt und sein Hirn pochte dumpf. Was war geschehen? Wie lange hatte er das Bewusstsein verloren? Waren es Minuten, Stunden oder sogar Tage gewesen? Jeder Versuch einen klaren Gedanken zu fassen, war sofort wie von einem dicken weichen Kissen erstickt, er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Immer noch lag dieser seltsame Geruch in der Luft und erst in diesem Augenblick erkannte Karl Bauer was es war. Das war der Geruch von verbranntem Fleisch, seinem eigenen Fleisch.

 Das Brennen auf seiner Brust wurde fast unerträglich und so beschloss er langsam die Augen zu öffnen. Erst jetzt bemerkte er, dass er sich kaum bewegen konnte. Er lag ausgestreckt, an Händen und Füßen gefesselt, auf einem großen hölzernen Tisch, sein Oberkörper war mit Brandwunden übersät. Ein grelles Licht am Ende des Kellergewölbes blendete ihn. In diesem Licht konnte er schemenhaft eine dunkle Gestalt erkennen, die sich langsam näherte. Wer immer es war, er war klein gewachsen und trug einen langen schwarzen Umhang mit Kapuze, die das Gesicht fast vollständig verbarg.

«Du bist also wieder zu Bewusstsein gekommen», sagte der unheimliche Fremde in einem gebrochenen spanischen Akzent.
«Wo ist sie? Wo ist die Karte?», schrie er dann plötzlich und hielt Karl Bauer ein glühendes Eisen direkt vors Gesicht.

Karl zögerte.

«Aber, ...aber ich sagte doch bereits, dass ich nichts weiß. Sie haben den Falschen, glauben Sie mir doch!»

Der Fremde ohrfeigte ihn und wurde noch lauter:

«Wo habt ihr Hunde ihn hingebracht? Sprich endlich oder du wirst Qualen erleiden, die Du Dir bisher noch nicht einmal vorstellen konntest!»

Karl Bauer stöhnte laut.

Eigentlich war er durch seine Ausbildung auf solche Situationen vorbereitet, aber jetzt kam ihm alles unendlich viel schwerer vor. Eines wusste er: er durfte das Geheimnis auf keinen Fall preisgeben, denn das wäre Feigheit und Verrat an seinen Freunden. Wie lange würde er die Schmerzen noch ertragen können? War er in Gefahr doch noch schwach zu werden, wenn die Foltermethoden seines Peinigers immer raffinierter und brutaler wurden?

 Der vermummte Unbekannte führte den glühenden Eisenstab in etwa zehn Zentimeter Abstand langsam an Karls nacktem Körper hinab. Obwohl Karls Augen inzwischen wieder geschlossen waren, konnte er den Weg des glühenden Eisenstabes durch die brennende Hitze auf seinem Körper spüren. Ab und zu hielt sein Peiniger kurz inne und ließ die Hitze fast unerträglich werden.

Was hatte er vor?

Er würde doch nicht...

Karls Herz raste, als er die Hitze schon in der Höhe seines Bauchnabels registrierte.

Was hatte er seiner Frau damit nur angetan? Er hatte sie alleine gelassen. Karl würde niemals die Chance haben seine Tochter kennenzulernen. Er würde niemals für sie da sein. Sie sollte Maria heißen. Er war sich ganz sicher, dass es ein Mädchen wird. Er würde hier sterben, auch wenn er irgendwann das Geheimnis verraten würde. Es gab nur noch einen Ausweg.

Karl röchelte kurz, würgte heftig und nach kurzer Zeit sackte sein Körper in sich zusammen. Sein Peiniger war irritiert und sprang zurück.

Was war geschehen?

Klirrend ließ er den glühenden Eisenstab zu Boden fallen und packte hastig den Kopf seines Opfers. Verzweifelt versuchte er dessen Mund zu öffnen und irgendwie an die Zunge zu kommen, die dieser offensichtlich verschluckt hatte. Immer wieder schlug er auf sein Opfer ein, doch das hing nur schlaff in seinen Fesseln. Er fluchte laut in einer unbekannten Sprache. Nach etwa zwei Minuten gab er auf und setzte sich frustriert auf einen einfachen Holzstuhl, der in der Mitte des Kellergewölbes stand. Er seufzte und schüttelte den Kopf.

Sein Opfer war erstickt ohne vorher das Geheimnis preiszugeben.

Wie sollte er sein Scheitern erklären?

Er seufzte nochmals und streifte seine Kapuze ab. Sein Gesicht war mit Schweißtropfen übersät. Er hatte tiefschwarzes Haar, das mit Blut verklebt war. Seine Gesichtszüge waren die eines Indios, seine Haut war von der Sonne braun gebrannt und tief von Falten gezeichnet. Trotzdem schien er nicht älter als 35 Jahre zu sein. Der Indio fuhr sich resigniert durchs Haar, blickte kurz auf sein Opfer und hielt dann plötzlich inne.

Was war das?

Er sprang auf und beugte sich über den leblosen Körper. Genau betrachtete er die kleine Brandnarbe am rechten Unterarm, in der Form und Größe einer kleinen Münze.

Er begann zu verstehen...

 

KAPITEL 2 - Maria
Barcelona
17. November 2008, 9:32 Uhr

Hatte sie eine Klingel gehört? Maria hielt kurz inne. Es klingelte noch einmal. Dieses Mal war sie sich sicher und schlüpfte schnell aus der Dusche, legte ein großes Handtuch um ihren Körper und rannte barfuß durch den langen Flur ihrer Wohnung zur Eingangstür. Kurz vor der Tür machte sie wieder kehrt, rannte in ihr Schlafzimmer, entledigte sich des Handtuchs und zog schnell einen weißen Slip und das erstbeste viel zu große T-Shirt an, das ihr gerade in die Hände fiel.

 «Reicht das?», Maria schaute an ihren nackten Beinen herab.

Sie blickte hektisch durch den Raum, um irgendwo eine Hose zu finden, denn das T-Shirt reichte ihr kaum bis zu den Oberschenkeln. Aber alle Hosen schienen in der Wäsche zu sein. Maria hatte noch nie einen Sinn für Ordnung gehabt. Eigentlich suchte sie immer irgendetwas – einen Schlüssel, ihr Handy, ihren Lieblingsrock, den sie ganz sicher nicht in die Wäsche gelegt hatte, oder wie jetzt – einfach irgendetwas zum Anziehen. Aber dafür war keine Zeit mehr. Ihr schulterlanges, schwarzes Haar war auch noch nass, vielleicht sollte sie es mal mit einem Kurzhaarschnitt probieren. Ein hübsches Gesicht hatte sie ja, das würde dadurch wesentlich besser zur Geltung kommen. Zumindest hatte das ihre Mutter immer gesagt.

 «Pech gehabt», dachte sie, begab sich schnurstracks wieder zur Eingangstür und schaute durch den Türspion, während sich eine kleine Pfütze zu ihren Füßen bildete.

Sie öffnete die Tür.

«Señora Alvarez?», fragte der attraktive, sportlich aussehende Mann, der in Jeans und einem beigefarbenem Polohemd vor ihr stand. Maria schätzte ihn auf Ende 30, vielleicht auch Anfang 40. Er hatte einen Dreitagebart, kurze dunkelblonde Haare, seine Augen leuchteten tiefblau und an seiner linken Hand trug er eine Omega Genève aus den Siebzigern. Ab und zu musste er eine Brille tragen, denn Maria konnte leichte Abdrücke auf seinem Nasenrücken erkennen.

«Was wünschen Sie?», entgegnete Maria und bemerkte, dass ihr Gegenüber sie von oben bis unten musterte.

«Mein Name ist Ricardo Torres, ich bin Kommissar der CNP [CNP =Cuerpo Nacional de Policia, die spanische nationale Polizei] und muss sie leider in einer traurigen Angelegenheit sprechen. Kann ich hereinkommen?»

«Traurige Angelegenheit?», Maria schluckte und öffnete die Tür wie in Trance. Der Kommissar folgte ihr und blickte verwundert auf die Wasserspur, die Maria auf ihrem Weg in die Küche hinterließ.

 «Irgendwie gemütlich hier», dachte Ricardo. Eigentlich hatte er etwas ganz anderes erwartet. Was genau wusste er nicht, aber Maria hatte er sich leicht pummelig, bieder und in einer Art Schwesternuniform vorgestellt. Aus seinen Unterlagen ging hervor, dass sie in mehreren Alten- und Pflegeheimen jobbte. Sie half dort regelmäßig aus und übernahm immer die Dienste zu denen kein anderer Mitarbeiter Lust hatte, Weihnachten oder Silvester zum Beispiel. Und jetzt stand eine wirklich interessante Frau vor ihm, mit langen Beinen, einer tollen Figur, ungefähr 1,72 Meter groß, maximal 60-62 Kilo schwer und mit kastanienbraunen Augen, die lebendig strahlten.

Gemeinsam betraten sie die Küche. Maria schien keinen besonderen Hang zur Ordnung zu haben, aber gerade dieses Gewirr von bunten Tassen, halb aufgeräumten Regalen und Töpfen mit Kräutern gaben der Küche eine besondere Wärme. Und etwas, was Ricardo immer vermisst hatte: ein Gefühl der Geborgenheit. Schon früh waren Ricardos Mutter und Vater gestorben und er war gemeinsam mit seinem älteren Bruder bei Verwandten in einer kleinen Stadt in Paraguay aufgewachsen. Dort war alles immer steril und aufgeräumt gewesen. Besonders hatte er es gehasst, wenn sie sich sonntags für die Messe feinmachen mussten und seine Tante seine Fingernägel reinigte. Heute noch brachte ihn der Gedanke daran zum Schaudern. Nur ab und zu konnte er nach der Schule entkommen und ein paar seiner einheimischen Mitschüler besuchen. Und dort war alles so anders, so gemütlich gewesen. Er bekam einen heißen Tee aus einer Tasse, die nicht feinsäuberlich mit dem Rest des Geschirrs farblich abgestimmt war. Sie aßen den Kuchen aus der Hand, die Mutter seines Freundes lächelte sie an und auch ein paar Krümel auf dem Boden wurden nicht gleich bestraft. So ein Ort war das hier.

Ein Ort an dem man sich wohlfühlen konnte, gemeinsam frühstücken … Ricardo ertappte sich dabei, wie er schon jetzt eine Zuneigung zu dieser ihm unbekannten Frau aufbaute.

«Kaffee?», fragte Maria.

«Gerne.»

Lächelnd setzte er sich auf einen Stuhl am großen Holztisch, der mitten in der Küche stand.

Maria goss ihm eine große Tasse Kaffee ein, auf der die Zeichnung eines kleinen grinsenden Schweins zu sehen war. Sie war verunsichert. Was konnte dieser Kommissar von ihr wollen? War irgendjemandem in ihrem Freundes- oder Verwandtenkreis etwas zugestoßen? Hatte sie irgendeinen Fehler im Pflegeheim gemacht? Alle waren doch immer äußerst zufrieden mit ihr und sie hatte zu den Alten ein inniges Verhältnis. Sie strahlten immer, wenn sie Maria sahen und in den letzten Wochen war auch niemand gestorben...

Der Kommissar schaute sie fragend an und riss sie aus ihren Gedanken.

«Hätten Sie noch etwas Milch?»

«Oh, sorry, ich vergesse immer die Milch, weil ich selbst Kaffee nur schwarz trinke.» Maria drehte sich um, öffnete die große Kühlschranktür, auf der Hunderte von bunten Magneten hafteten und reichte Ricardo einen Beutel mit Milch.

«Ob die noch haltbar ist?», fragte sich Ricardo und versuchte unauffällig das Haltbarkeitsdatum auf der Packung zu erkennen, aber da er seine Brille aus Eitelkeit nur äußerst selten trug, hatte er keine Chance und beschloss schließlich, Maria einfach blind zu vertrauen. Er schenkte Milch in seinen Kaffee und nippte daran.

«Nun, was haben Sie mir mitzuteilen?», fragte Maria.

Ricardo hielt kurz inne. Er hatte fast keine Erfahrungen mit solchen Situationen. Und die Tatsache, dass er Maria irgendwie mochte und sich hier wohl fühlte, machte es ihm auch nicht einfacher. Er musste einfach bei den Fakten bleiben.

«Señora Alvarez, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir höchstwahrscheinlich Ihren Vater tot aufgefunden haben.»

Ricardo versuchte Maria möglichst nicht in die Augen zu schauen.

«Können Sie das bitte wiederholen?»

Maria schien etwas verdutzt und setzte sich zu ihm.

«Unsere Kollegen von der mexikanischen Polizei haben vor vier Wochen zwei Leichen entdeckt, eine von ihnen war anhand von Ausweispapieren eindeutig als Ihr Vater zu identifizieren. Allerdings war – tut mir leid, dies sagen zu müssen – relativ wenig von der Leiche übrig. Nach letztem Stand der Untersuchungen muss Ihr Vater vor zirka 43 Jahren, so um das Jahr 1965, verschieden sein.»

«1965, das war das Jahr in dem ich geboren wurde. Das Jahr in dem mein Vater plötzlich verschwand.»

Maria war sprachlos. Sie hatte gedacht, dass sie niemals wieder etwas von ihrem Vater hören würde.

Maria dachte zurück. Ihre Mutter Paula hatte ihr erzählt, dass ihr Vater ein Deutscher namens Karl Bauer war.

Sie hatte ihn während ihres Studiums in Deutschland kennengelernt und später in Barcelona erneut getroffen. Karl hatte für eine deutsche Kulturstiftung im Zentrum von Barcelona gearbeitet. Als Paula mit Maria im fünften Monat schwanger war, musste Karl angeblich auf einen Kongress nach Deutschland, kehrte jedoch niemals zurück. Nach drei Wochen hatte Paula immer noch nichts von ihm gehört und reiste nach Düsseldorf, um nach ihrem Mann zu suchen. Leider musste sie feststellen, dass es dort keinen Kongress gegeben hatte. Auch die Nachforschungen der Polizei in Deutschland ergaben nichts. Karl war anscheinend niemals nach Deutschland eingereist. Paula war verzweifelt und musste sich damit abfinden, dass ihr Mann sie wohl einfach mit dem ungeborenen Kind hatte sitzen lassen. Frustriert reiste sie zurück nach Barcelona. Vier Monate später kam Maria zur Welt. Ohne die Unterstützung der Familie Alvarez, die trotz all dieser Widrigkeiten zu Paula stand, hätte sie es wohl niemals geschafft.

Zwei Monate nach Marias Geburt geschah allerdings etwas Seltsames: Auf Paulas Konto ging mit dem Hinweis «Für Maria» ein kleines Vermögen ein. Es handelte sich um eine anonyme Einzahlung, die von der Bank nicht mehr zurückverfolgt werden konnte.

Als junges Mädchen und später auch als Teenager hatte Maria ihre Mutter sehr oft nach ihrem Vater gefragt, aber niemals wirklich viel über sein Leben und seine Vergangenheit erfahren. Ihre Mutter wollte einfach nicht über Marias Vater sprechen. Er musste wohl, aus welchen Gründen auch immer, vor der Verantwortung davongelaufen sein. Vielleicht steckte ja auch eine andere Frau hinter seinem Verschwinden. In jungen Jahren konnte sich Maria dieses Verhalten nie erklären, doch inzwischen, nachdem sie selbst mehrere Enttäuschungen mit Männern hinter sich hatte, wunderte sie das alles überhaupt nicht mehr. Erst vor Kurzem hatte sich ihr langjähriger Freund Miguel von ihr getrennt, worauf sie in ein tiefes Loch gefallen war.

Sie hatte eigentlich immer gedacht, dass diese Liebe ein Leben lang halten würde. Beide hatten sich schon immer Kinder gewünscht und dieser unerfüllte Kinderwunsch hatte schließlich zum Scheitern ihrer Beziehung geführt.

Nach einer Eileiterschwangerschaft, die für Maria fast tödlich endete, hatten sie es mehrfach mit künstlicher Befruchtung versucht und dies natürlich immer in Begleitung mit der entsetzlichen Hormontherapie. Doch alle Versuche scheiterten, der Schwangerschaftstest war jedes Mal negativ.

Am Ende ihrer beider Leidensgeschichte wusste Maria gar nicht mehr, worum es ihnen eigentlich ging. Sie machten einfach immer weiter, um nicht nachdenken zu müssen und der letzten Konsequenz ins Auge zu schauen. Sie wollten nicht mit der Endgültigkeit ihrer Kinderlosigkeit konfrontiert werden, einen anderen Lebenssinn als das Aufziehen von Kindern finden zu müssen. Alles in ihrem Leben hatte sie nach diesem Wunsch ausgerichtet. Nachdem Maria ein paar Semester Geschichte an der Universität in Barcelona studiert und das Studium nach einem unglücklichen Verhältnis mit einem verheirateten Professor abgebrochen hatte, lernte sie, Mitte dreißig, Miguel kennen. Und da sie damit rechnete schnell schwanger zu werden und dann in der Mutterrolle aufzugehen, vernachlässigte sie ihre Karriereplanung und begann in verschiedenen Alten- und Pflegeheimen zu jobben. Eine Arbeit, die ihr viel Spaß machte, die sie aber auch leicht aufgeben konnte, falls ein Kind unterwegs sein sollte. Aber es war leider nie soweit.

Und jetzt mit 43 Jahren war Marias biologische Uhr so gut wie abgelaufen und da hatte sich Miguel einfach davongemacht, mit einer anderen, die natürlich sofort schwanger wurde. Wochenlang hatte Maria nur geweint und sich selbst bemitleidet.

Maria sah auf und kehrte mit ihren Gedanken ins Heute zurück. Hier saß sie also mit diesem Kommissar und hatte gerade erfahren, dass ihr Vater damals gar nicht davongelaufen, sondern im Jahr ihrer Geburt gestorben war – kurz nachdem er diese mysteriöse Reise angetreten hatte.

 

«Wie ist er denn gestorben und warum hat man ihn erst jetzt gefunden?», fragte sie.

Ricardo Torres hustete leicht.

«Nach über vierzig Jahren ist das natürlich nur schwer fest­zustellen…»

Er fuhr sich verlegen durchs Haar, als ob er nach den richtigen Worten suchen würde.

«Bei Arbeiten an einer neuen Kanalisation in einem Vorort von Mexiko City ist man in einem alten Keller auf einen Schacht gestoßen in dem zwei Leichen lagen. Eine der Leichen lag nach unserer Erkenntnis schon wesentlich länger dort. Das Todesjahr wird zwischen 1917 und 1920 vermutet. Identifizieren konnten wir dieses Opfer leider nicht. Die Leiche Ihres Vaters war in einer Art Plane eingewickelt, die Luftundurchlässig war. Vermutlich blieben der Leichnam und die Papiere deswegen etwas besser erhalten. Die Leiche ihres Vaters war teilweise mumifiziert.»

«Mumifiziert?», vor Marias innerem Auge tauchten Bilder von ägyptischen oder peruanischen Mumien auf, entstellte Gesichter, vertrocknete Haut … sie wollte nicht weiter darüber nachdenken.

 

«Gibt es denn keinen einzigen Hinweis?», fragte sie schnell.

«Doch ein paar Anhaltspunkte haben wir schon. Aber die sind sehr verwirrend, wir kommen einfach nicht weiter», Ricardo verstummte.

Wie sollte er Maria die Umstände erklären? Selbst für ihn, der schon einiges erlebt hatte, waren die Details dieses Falles schwer zu verkraften und zu verstehen. Er holte tief Luft und sprach dann weiter.

 «Der Leiche wurden wohl nach dem Tod der Kopf und der rechte Unterarm abgetrennt», er senkte den Blick und fuhr dann schnell fort, um es hinter sich zu bringen.

«Weitere Verletzungen an den Rippen lassen darauf schließen, dass man Ihrem Vater das Herz entfernt hat.»

«Oh mein Gott!», Maria legte die Hand entsetzt auf ihren Mund.

«Was hat das alles zu bedeuten?»

«Keine Ahnung, vielleicht eine Sekte oder eine Art Ritualmord. Wir tappen im Dunkeln», gab Ricardo zu.

Er war erleichtert nun die grausigen Details hinter sich gebracht zu haben.

 «Außerdem haben wir noch einige andere Dinge bei der Leiche gefunden...», der Kommissar reichte Maria eine Art Militär-Erkennungsmarke und ein eisernes Kreuz erster Klasse, ein Orden der deutschen Wehrmacht.

 Maria betrachtete die Gegenstände.

Die Erkennungsmarke war schon ziemlich rostig, aber ein paar Details konnte man noch deutlich erkennen.

 Neben einer Nummer

1959011 BO

sah sie ein kleines Hakenkreuz und einen Adler auf der Marke. Der Adler war jedoch kein deutscher Reichsadler, sondern ein mexikanischer Adler, der mit einer Schlange im Schnabel auf einem Kaktus saß. Das erkannte sie sofort dank ihrer wenigen Geschichtssemester. Endlich erwiesen sie sich mal als nützlich, obwohl sie damals mehr auf ihren Professor fixiert gewesen war. Ob er sie wirklich geliebt hatte? Seine Frau und seine Kinder hätte er trotzdem niemals verlassen. Für diese Einsicht hatte Maria mehr als drei Jahre gebraucht. Als es ihr dann ganz schlecht ging, hatte sie die Konsequenzen ziehen müssen und die Affäre beendet.

 Nun schaute sie fragend auf.

«Was bedeutet das alles? War mein Vater etwa Mitglied in irgendeinem Nazi-Geheimbund? Was sind das für Symbole? Ich weiß, dass es Totenkopf-SS oder Waffen-SS-Einheiten im Zweiten Weltkrieg gegeben hat, aber was, bitteschön, ist das hier für ein Zeichen?»

Der Adler, der auf einem Kaktus saß und eine Schlange verspeiste. Dieses Wappen war auf der mexikanischen Flagge zu sehen, das wusste Maria. Nach der Legende der Azteken, die sich selbst Mexica genannt hatten, war deren Hauptstadt Tenochtitlán, heute Mexiko City, an dem Ort gegründet worden, an dem der prophezeite Adler auf einem Kaktus sitzend eine Schlange verschlang.

Ricardo zögerte kurz.

«Wir würden auch gerne wissen, was das Zeichen bedeutet. Bisher können wir uns keinen Reim darauf machen. Ich hatte die Hoffnung, dass Sie uns vielleicht helfen könnten. Hat Ihre Mutter Ihnen nie etwas darüber erzählt?»

«Überhaupt nichts. Ich denke, dass Sie mehr über meinen Vater wissen als ich. Meine Mutter wusste bestimmt nichts davon. Und leider kann ich sie auch nicht mehr danach fragen.»

Marias Mutter war vor knapp zwei Jahren an Krebs gestorben. Es war furchtbar schnell gegangen und Maria hatte kaum Gelegenheit gehabt sich richtig von ihr zu verabschieden. Ihre Mutter hatte sich immer aufopfernd um sie gekümmert. Einen Vater hatte sie deswegen nie vermisst. Natürlich hatte sie früher die Familien ihrer Schulfreundinnen besucht und dort auch deren Väter und ein anderes Familienleben kennengelernt, aber wenn sie ehrlich war, hatte sie sich nie nach einem Vater gesehnt. Aber warum hatte sie dann etwas mit einem über zwanzig Jahre älteren Professor angefangen? War da vielleicht doch irgendeine unterdrückte Sehnsucht nach einer Art Vaterfigur gewesen?

 

«Haben Sie denn noch irgendwelche Unterlagen von Ihrem Vater, die uns weiterhelfen könnten?», fragte Ricardo nun. Er öffnete ein altes Notizbuch mit Ledereinband und hielt einen Kugelschreiber bereit, als ob er erwartete, dass Maria jetzt einen stundenlangen Vortrag über die Geheimnisse ihres Vaters beginnen würde.

Bisher hatte das Gespräch keine neuen Erkenntnisse gebracht. Er hatte eine nette und äußerst attraktive Frau kennengelernt, aber ermittlungstechnisch war er keinen Schritt weiter gekommen. Hatte er sich von dem Besuch zu viel versprochen? Sollte er tatsächlich auf keinerlei weitere Hinweise stoßen? Nach mehr als vierzig Jahren war da wohl auch recht wenig zu erwarten.

 «Sorry, Herr Kommissar», Maria lächelte, «aber ich habe wirklich gar keine Informationen über meinen Vater. Sind Sie überhaupt sicher, dass diese Leiche mein Vater war? Ausweis und Leiche müssen ja nicht unbedingt zusammengehören, oder?»

 Das stimmte. Ricardo hatte nicht mit so einer Frage gerechnet. Warum war er sich eigentlich so sicher gewesen, dass die Leiche tatsächlich die von Karl Bauer war und er der Tochter des Opfers gegenüber saß? Was sollte sie jetzt von ihm denken, er muss wie ein ziemlicher Anfänger rüberkommen.

 «Da haben Sie recht, Señora. Deshalb hätte ich gerne noch ein paar Haare zwecks Genabgleich von Ihnen.»

Er öffnete einen alten Umschlag, den er irgendwo aus den letzten Seiten seines Notizbuches hervorholte.

 Maria ging kurz ins Bad, holte einen Kamm und reichte ihm ein paar Haare.

«Danke, das müsste reichen», Ricardo legte die Haare wie ein Heiligtum in den Umschlag, schloss diesen ordentlich und legte ihn in sein Notizbuch zurück. Vielleicht gab es hier ja noch irgendwelche anderen Hinweise. Irgendwelche Fotos vielleicht …

«Frau Alvarez, haben sie vielleicht irgendwelche Fotos von ihrem Vater? Da wir ja den alten Ausweis von ihm haben, könnten wir diese vergleichen.»

«Fotos?»

 Maria überlegte krampfhaft. Fotos von ihrem Vater – sie konnte sich nicht daran erinnern jemals ein Foto von ihm gehabt zu haben. Aber dann fiel ihr etwas ein.

 «Vielleicht habe ich da etwas …»

Sie verschwand für einen Augenblick im Wohnzimmer und kehrte mit drei großen, schweren Fotoalben zurück. Sie waren außen mit Tuch in verschiedenen Farben bespannt und mussten aus den Sechzigern stammen.

«Die habe ich von meiner Mutter geerbt», erklärte sie und begann, die Fotoalben andächtig durchzublättern. Ganz vorsichtig, Blatt für Blatt ohne dabei die feinen Zwischenblätter aus fast durchsichtigem Pergament zu zerknittern. Es waren Hunderte von Schwarz-Weiß Fotos mit weißem Rand. Marias Mutter im Park, Marias Großmutter im Kreis der Familie, das Weihnachtsfest 1967, Marias erstes Foto auf der Kinderstation im Krankenhaus, ein Urlaub in Südspanien im Sommer 1970… Aber kein Foto von Marias Vater.

 «Nichts.» Maria schob die Alben zu Ricardo, der die Fotos schnell überflog. Er lächelte sie an.

«Wo war das?» Er deutete auf ein Foto, das Maria als Vierjährige neben einem selbstgebauten Schneemann zeigte.

Maria musste nachdenken.

«Eine Wallfahrt nach Lourdes. Meine Mutter war sehr gläubig.»

«Sie sahen … süß aus.» Ricardo wurde leicht rot.

Maria lächelte ihn kurz an. «Irgendwo hatte ich auch noch eine Schachtel mit unsortierten Fotos.»

Sie drehte sich um, öffnete und schloss ein paar Schranktüren in der Küche. Dann ging sie vor der Spüle in die Hocke, öffnete die Schranktür, kramte Putzmittel und mehrere Töpfe hervor und hatte schließlich eine mittelgroße silberne Keksdose in der Hand.

 «Hier kommt nichts weg.» Sie setzte sich an den Tisch und öffnete feierlich die Keksdose. Die Dose war mit Ansichtskarten, Fotos und einigen vergilbten und zusammengefalteten Briefen gefüllt. Schnell stöberte sie mit ihren langen Fingern durch den Wust an Papieren, zog manchmal ein Foto heraus, betrachtete es kurz und legte es wieder feinsäuberlich zurück, als ob es eine geheime, nicht zu erkennende Ordnung in diesem Haufen gab. Ricardo fielen Marias zarte Hände auf, die sich durch die Fotos arbeiteten.

Doch schließlich verschloss sie die Dose wieder.

«Tut mir leid.»

Sie zuckte mit den Schultern und schaute Ricardo direkt in die Augen. Doch dann…

 «Oh! Ich Idiot!», Maria klatschte sich plötzlich mit der rechten Handinnenfläche an die Stirn. Peinlich. Natürlich hatte sie auf jeden Fall ein Foto von ihrem Vater. Sie hatte so viele Jahre gar nicht an ihn gedacht… die Frage nach ihrem Vater hatte sie eigentlich nur für kurze Zeit während ihrer Pubertät beschäftigt.

Sie stand auf, drehte sich zur Wand und blickte auf die vielen Bilderrahmen mit Familienfotos, die über dem Herd hingen. Ricardo betrachtete verzückt ihre langen, bloßen, gebräunten Beine und das T-Shirt, das leicht feucht an ihrem Rücken klebte.

Sie war eine unglaublich attraktive und so natürliche Frau.

Maria kam mit einem Bilderrahmen zurück, der zwei Bilder enthielt: ein Farbfoto ihrer Mutter, die ihr sehr ähnlich sah, und ein Schwarz-Weiß-Foto ihres Vaters. Das Foto der Mutter war eine Porträtaufnahme, das des Vaters zeigte ihn von Kopf bis Fuß. Er musste knapp 1,80 Meter groß gewesen sein, hatte blonde Haare und eine markanten Narbe über der linken Wange. Maria hatte sich immer gefragt, ob die Narbe eine Kriegsverletzung war.

Seine blonde Haarfarbe hatte er an Maria nicht vererbt, sie hatte, wie ihre Mutter, haselnussbraune Augen und tiefschwarzes Haar. Maria öffnete den Bilderrahmen, um das Bild ihres Vaters herauszuholen. Das Porträt ihrer Mutter war zum Teil über das Bild ihres Vaters geschoben. Erst jetzt wurde ihr klar, dass das Bild ihres Vaters Teil eines größeren Gruppenfotos war. Er war mit vier weiteren Männern vor einer großen Eingangstür fotografiert worden.

«Hier, das ist das Einzige was ich von meinem Vater habe.»

 Maria schob das Foto dem Kommissar über den Tisch. «Aber Sie können höchstens eine Kopie bekommen, denn das Bild ist meine einzige Erinnerung an ihn und die will ich nicht verlieren.»

«Danke, ist nicht nötig», sagte Ricardo. «Das Bild stimmt mit dem Bild im Pass des Leichnams überein.»

Er betrachtete intensiv die anderen Männer auf dem Foto.

«Hat Ihnen Ihre Mutter irgendwann mal erzählt, wer die anderen Männer auf dem Bild sind?»

«Nein, ich wusste bis heute noch nicht einmal, dass das hier ein Gruppenfoto ist. Den Rahmen mitsamt den Bildern hat mir meine Mutter vor Jahren geschenkt.»

Ricardo wusste, dass er jetzt eigentlich gehen konnte. Er würde hier keine weiteren Informationen erhalten. Aber er wollte nicht. Was konnte er tun, um weiter mit Maria in Kontakt zu bleiben? Sollte er sie einfach fragen, ob er sie zum Essen einladen durfte? Ob er sie vielleicht noch einmal sehen könnte? Sollte er ihr einfach sagen, dass er sie interessant findet und sie gerne näher kennenlernen würde? Und das nachdem er ihr gerade die Nachricht vom Tod ihres Vaters überbracht hatte? Nein, er musste Profi bleiben, er war mit einem Auftrag gekommen und den hatte er jetzt erledigt.

Kommissar Torres stand auf, gab Maria eine Karte mit seiner Telefonnummer und verabschiedete sich mit einer weiteren Beileidsbekundung.

Falls Maria noch irgendetwas auffallen oder sie Fragen hätte, könne sie sich jederzeit, ob Tag oder Nacht, bei ihm melden. Maria begleitete den Kommissar zur Tür, schloss sie und lehnte sich dann mit dem Rücken dagegen. Ihr Blick fiel auf die Visitenkarte des Kommissars, die sie noch in der Hand hielt. Wie einem Automatismus folgend, nahm sie ihr Smartphone von der Kommode im Gang, klappte es auf und programmierte seine Telefonnummer unter dem Namen «Ricardo» ein. Warum, das wusste sie nicht, aber irgendwie fand sie ihn süß.

 Erst jetzt bemerkte sie, dass sie vorhin ein viel zu großes Trikot des FC Barcelona angezogen hatte. Ein letztes Andenken an ihren Ex-Freund. Sie schüttelte den Kopf. Momentan konnte sie keinen vernünftigen Gedanken fassen. Es waren zu viele Eindrücke und verwirrende Fakten gewesen, die auf sie eingeprasselt waren. Außerdem war sie sich nicht klar, was sie empfinden sollte und ob sie überhaupt etwas empfand. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt und deshalb natürlich auch gar keine emotionale Bindung zu ihm aufbauen können. Sollte sie jetzt traurig oder wütend sein?

 Langsam ging sie in die Küche. Sie war aufgewühlt und verwirrt. Mit so einem ereignisreichen Tag hatte sie heute Morgen beim Aufstehen wirklich nicht gerechnet. Ihr Vater war also ermordet worden. Er hatte die Familie nicht einfach sitzen lassen. Maria öffnete den Kühlschrank und betrachtete einen Augenblick lang die Trostlosigkeit – Butter, zwei Joghurts, die angefangene Milch, ein halbes Glas saure Gurken und ein Stück Käse in Klarsichtfolie eingepackt auf einem Teller. Sie öfete das Gefrierfach, lächelte kurz, nahm sich einen Becher «Chunky Monkey» und genoss zwei bis drei hastige Löffel davon – das beruhigte sie einfach. Manchmal glaubte sie, dass sie süchtig nach diesem Eis war.

Dann setzte sie sich wieder zurück an den Tisch und zog ihre nackten Knie fest an ihren Oberkörper. Sie kramte einen kurzen Bleistift und ein Papier aus der Schublade unterhalb des Küchentisches und begann das Symbol auf der Erkennungsmarke aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Sie schloss die Augen und hatte die Marke wie ein Foto vor ihrem inneren Auge. Eine Fähigkeit, die sie schon als Kind gehabt hatte. Ihr fiel es leicht, Dinge wie ein Bild abzurufen, eine Art fotographisches Gedächtnis. Das hatte sie nie trainieren müssen, die Gabe war einfach da. Auf diese Weise hatte sie seitenlang Vokabeln und Geschichtsdaten in der Schule und im Studium auswendig gelernt.

Der mexikanische Adler, der auf dem Kaktus sitzend, eine Schlange verspeist und ein Hakenkreuz darunter.

 Sollte sie ihren «geliebten» Professor aufsuchen und ihn fragen, ob er das Symbol kennt? Sie hatte sich geschworen ihn nie mehr wiederzusehen…

Warum beschäftigte sie das nach mehr als 15 Jahren immer noch?

 Und diese seltsame Nummer 1959011BO ?

Was die wohl bedeutete? Sie hatte keine Ahnung. 1959? Das Jahr 1959 konnte es wohl nicht sein … da war der Zweite Weltkrieg ja schon fast 15 Jahre zu Ende gewesen. «11» könnte vielleicht für November stehen… war im November 1959 irgendetwas Bedeutendes geschehen? Sie würde mal im Internet bei Wikipedia nachschlagen.

 Marias Blick schweifte über den Tisch und fiel auf die Rückseite des Bildes ihres Vaters. Sie hatte es, bevor sie mit dem Kommissar an die Tür gegangen war, mit der Bildseite nach unten auf den Tisch gelegt.

 Da stand etwas mit Bleistift auf dem Bildrücken. Maria nahm das Bild und betrachtete es:

 «Instituto Cultura Alemana, Via Gràcia 12, Barcelona»



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